Wie alles begann

Der Gedanke, in Neumünster eine Bildungsstätte zu schaffen, die Jugendlichen nach Beendigung der allgemeinen Schulausbildung im Berufsleben weiterhelfen könnte, wurde noch in dänischer Zeit gefasst. Ausgerechnet in der „wilden" Zeit der 1848-er Jahre wurde dem Wunsch, eine "Fortbildungsschule“ zu errichten, Rechnung getragen. Zu praktischen Ergebnissen führte die Initiative eines privaten Bürgervereins nicht: es war nicht genug Geld da, die Zeiten waren zu unsicher. Nach Kriegsende griff die dänische Verwaltung die Idee wieder auf; der Gesamtstaat erlebte in der Mitte der 1850-er Jahre einen wirtschaftlichen Aufschwung. Neumünster begann, sich als Gewerbezentrum immer mehr zu profilieren, die jugendlichen zukünftigen Facharbeiter benötigten mehr fachliches und allgemeines Wissen: all dies ließ den Gedanken einer Gewerbe-, d. h. Fortbildungsschule, die von einem privaten Verein, dem "Spar- und Leihkasse-Verein“ getragen wurde, sehr bald zur Wirklichkeit werden. 1862 besuchten bereits 124 Schüler diese Sonntagsschule in zwei Klassen. 25 Berufe weist die Liste auf; in der Mehrzahl waren es naturgemäß Tuchmacher und Weber, die sich fortbilden wollten. Als nach 1863 die preußische Verwaltung die Geschäfte im Ort übernahm, wurde die Einrichtung weitergeführt; allerdings ging die Zahl der Schüler stark zurück. 1872 waren nur noch 51 Schüler eingeschrieben.

Gleichzeitig hatte sich aber im preußischen Wirtschaftsministerium die Meinung durchgesetzt, dass die meist überall in ländlichen Bezirken vorhandenen landwirtschaftlichen Fortbildungsschulen durch ähnliche Institute im gewerblichen Bereich ergänzt werden sollten. Die kommunalen Verwaltungsbehörden wurden also aufgefordert, aktiv zu werden.

1875

Am 23. 9. 1875 war es in Neumünster soweit: die städtischen Kollegien stimmten der Einrichtung einer von der Stadt zu tragenden Fortbildungsschule zu. Zwar war der Staatszuschuss noch nicht fest zugesagt, weil die Neumünsteraner sich noch nicht hatten entschließen können, der Forderung nach obligatorischem Unterricht nachzukommen, dennoch wurden statt 1250 Mark sogar 1500 Mark bewilligt und ein Betrag von 100 Mark zu den Kosten für die Ausbildung des Lehrers Tonner auf der Gewerbeschule in Hamburg. Am 14. 9. 1875 wurde bewilligt, den Präparanden Wolgast nach Hamburg zu schicken "zur Erlernung des Zeichenunterrichts". Die Mitglieder der städtischen Kommission Bürgermeister Schlichting, Stadtrat Köseler, die Stadtverordneten Engel, Westphalen, H. Köster, der Reallehrer Wollmann und die Lehrer Tanck und Dittmann stimmten also der Gründung einer Fortbildungsschule zu und ernannten am 5. 11. 1875 den Lehrer W. Tanck zum Direktor dieser neuen Schule. 
Die offizielle Eröffnung hatte bereits am 2. November 1875 stattgefunden.

Die preußischen Fortbildungsschulen hatten es im Anfang nicht leicht. Das große Preußen war immer noch überwiegend ein Agrarstaat und so war es nicht verwunderlich, dass diese neuen Einrichtungen meist ländliche und keine gewerblichen Fortbildungsschulen waren, obwohl diese im Regierungserlass durchaus gleichrangig neben den zuerst genannten standen. Die große Sorge der preußischen Regierung war die finanzielle Ausstattung: die Träger, also Kommunen oder Landkreise weigerten sich oft, eine feste Bezahlung für das Lehrpersonal bereitzustellen, auch war die Ausstattung der Schulen im Anfang dürftig. Immerhin bemühte sich die Regierung, gewisse Zuschüsse bereitzustellen und einen Minimal-Lehrplan von vier Wochenstunden auszuarbeiten; man hoffte, dieses jüngste Kind preußischer Schulplanung würde sich allmählich entwickeln können.

In Neumünster waren die Voraussetzungen nicht einmal ungünstig: Die am 2. November 1875 in den Räumen der ersten Knabenbürgerschule eröffnete Fortbildungsschule bekam neben den bewilligten Geldern aus der Staats- oder Stadtkasse einmalige Zuwendungen, so vom Fabrikant Renk 1000 Mark vom Creditverein 300 Mark und von der Stadtkasse extra 500 Mark Die Schule teilte sich in eine Abteilung für Erwachsene und für Knaben. Der Unterricht fand an den Wochentagen abends von 8:00 bis 9.30 Uhr (außer sonnabends) und am Sonnabend von 14:00 bis 16:30 Uhr statt. 

Neumünster konnte also, was die Unterrichtsdauer betraf, weit über das für Preußen angesetzte Minimum hinausgehen. Die Zahl der erwachsenen Teilnehmer erreichte erst im Winterhalbjahr 1878/79 90 Schüler, nachdem sie zu Beginn noch bei 60 Schülern gelegen hatte.

1895

Die Schule befand sich noch im Schulhaus in der Christianstraße, musste aber wegen der gestiegenen Schülerzahl - 1895 waren es 284 Erwachsene - ein fünftes Klassenzimmer in Betrieb nehmen. Der Lehrkörper der Fortbildungsschule bestand aus 8 Lehrern der Bürgerschulen, 2 Malermeistern, je 1 Zimmer- und Maurermeister, 1 Maschinentechniker und 1 Tischler. Die Leitung hatte Rektor Tanck von der 1. Knaben-Bürgerschule.

Der nächste Entwicklungsabschnitt reichte bis in die Zeit unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg. Die größte Veränderung gab es im Jahre 1902 durch ein verändertes Ortsstatut, das für alle jungen Leute bis zu 18 Jahren den Schulbesuch zur Pflicht machte. Jahrgangsweise wurde diese neue Maßnahme bis zum Jahre 1904 eingeführt. Gleichzeitig wurde der Lehrplan den neuen Gegebenheiten angeglichen: der Unterricht in Deutsch und Rechnen wurde zum erweiterten Pflichtfach für alle gemacht.

Die neue Aufgabe der Fortbildungsschule war jetzt nicht mehr Fortsetzung der Volksschularbeit sondern Allgemeinbildung durch Berufsbildung. Um diese Aufgaben bewältigen zu können, wurde deshalb ein neuer hauptamtlicher Direktor, Harbeck, am 1. Oktober 1907 eingestellt. Er hatte keine leichte Aufgabe, da nur nebenamtlich angestellte Lehrer ausschließlich in den Abendstunden zur Verfügung standen, und der Unterricht in den Volksschulen stattfinden musste. Die dringendsten Notwendigkeiten waren also eine Vorverlegung des Unterrichts auf mindestens 6 bis 8 Uhr abends und die Errichtung eines eigenen Schulgebäudes. Eine allgemeine Vorverlegung wurde bereits durch Erlass des Regierungspräsidenten aus dem Jahr 1909 ermöglicht. Zu einem eigenen Gebäude kam es vorerst nicht, denn der erste Weltkrieg brach aus. Viele Lehrkräfte wurden eingezogen, Hilfskräfte mussten aushelfen, aber auch diese wurden bald knapp, ebenso wurden die älteren Lehrlinge und Arbeiter eingezogen, ganze Klassen entvölkerten sich.

1919

Der Neuaufbau nach 1919 war nicht einfach. Eine Reihe von Lehrern war gefallen und die Schülerstruktur hatte sich verändert: viele Schüler waren Soldat gewesen und konnten sich sehr schlecht in die Schulverhältnisse einpassen. Der Krieg hatte, besonders für die, die länger an der Front gekämpft hatten, sehr demokratisierend gewirkt. Alte Autoritätsvorstellungen wurden in den vier Jahren Krieg für viele Soldaten abgebaut. Dadurch entstanden am Anfang große disziplinarische Schwierigkeiten. Dennoch erholte sich die Schule sehr schnell, wahrscheinlich besonders deswegen, weil eine Reihe von hauptamtlichen Lehrkräften eingestellt wurden und außerdem Tagesunterricht gegeben werden konnte. Auch einige wenige Unterrichtsräume für Fachkunde gab es bald. Die Tischler richteten 1924 eine eigene Werkstatt ein; als Begründung wurde eigens angegeben, dass viele Betriebe spezielle Arbeitsformen und -methoden nicht unterrichtlich vermitteln könnten. Die Zahl der Schüler stieg von 603 im Jahre 1917 bis auf 1169 im Jahre 1924 an. Mit dem Jahr 1924 war die erste Nachkriegsphase abgeschlossen. Dazu hatte beigetragen, dass seit 1920 der Pflichtschulbesuch für Mädchen beschlossen worden war; einer Einschulung aller Lehrlinge stand also nichts mehr im Wege. 
Mit Beginn des Schuljahres 1925 waren beschäftigt: 1 Direktor, 13 hauptamtliche und 44 nebenamtliche Lehrkräfte.

1927

Der ziemlich ruhige Aufbau bis zum Beginn des dritten Reiches in der aus heutiger Sicht doch so turbulenten Weimarer Republik konnte stattfinden, weil die Zeit des Provisoriums nun endgültig vorbei war. In der Hauptsache führten hauptamtliche Lehrkräfte den Unterricht durch, das preußische Ministerium für Handel und Wirtschaft hatte praktikable Lehrpläne ausgearbeitet und auch die Einrichtungen wuchsen langsam mit.

Die Werkstattfrage war der etwas kritische Punkt, aber eine Versuchswerkstätte nach der anderen wurde arbeitsfähig, so die Holz- und die Metallbearbeitungswerkstatt (sehr stolz wurde berichtet, dass bereits komplizierte Schmelzversuche durchgeführt wurden). Die Zahl der Fachklassen erhöhte sich stetig, der Leistungsstand stieg. So erhielt die Malerklasse 1927 bei einem Norddeutschen Wettbewerb in Lübeck einen Geldpreis von 300 M. Die Schülerzahl wuchs ebenfalls und erlaubte deshalb mehr und mehr differenzierte Fachklassen. 
1927 waren es bereits 1202 Schüler allein an der Gewerblichen Berufsschule.

Im Jahre 1928 sah selbst der kritische Jahresbericht des Direktors die äußere Entwicklung der Schule als abgeschlossen an. Freiwillige Fachklassen würden wohl noch weiterhin zusätzlich entstehen, aber der Mangel an qualifizierten Lehrkräften stand dem schon vielfach entgegen. Es wuchs die Notwendigkeit eines zentralen Gebäudes, denn die verschiedenen Abteilungen der Berufsschule, nämlich 
1) Gewerbliche Berufsschule, 2) Kaufmännische Berufsschule, 3) Mädchen Berufsschule, 4) Handelsschule, 5) Haushaltungsschule und 6) Freiwillige Kurse waren schon geeignet, den Betrieb einer solchen Anstalt zu erschweren. Wenn nun aber diese Schule auf fünf, räumlich weit auseinanderliegende Gebäude verteilt wurde, dann mussten große Schwierigkeiten für den Unterricht entstehen. In diese - auch offiziell als solche bezeichnete - "ruhige Arbeit" hinein musste die Schule am 27. Oktober 1930 den Verlust von Direktor Harbeck, der schon länger krank gewesen war, beklagen. Zum Nachfolger wurde der bisherige Direktorstellvertreter Kock, zum 1. Direktorstellvertreter Gewerbeoberlehrer Sommer und zum 2. Stellvertreter Dipl. Handelslehrer Fechner gewählt.

Es war nicht nur der Wechsel in der Schulleitung, der nunmehr Veranlassung gab, die Arbeit an der Schule neu zu durchdenken. Die Weltwirtschaftskrise machte sich zunehmend bemerkbar die Zahl der Schüler nahm ab, die Mittel wurden knapp. „Die große wirtschaftliche Not, die über unser Vaterland gekommen und in ihren Auswirkungen noch nicht zu übersehen ist, hat leider auch vor unseren Berufsschulen nicht haltgemacht" (Zitat aus einem ministeriellen Erlass). Im Protokoll der Schulkonferenz vom 25. April 1931 kann unter Punkt (2) der Tagesordnung nachgelesen werden: "Um die Kosten der Berufsschule nach Möglichkeit zu ermäßigen, sollten lt. Schreiben des Herrn Regierungspräsidenten vom 4. 4. 31 in gewissen Fächern Klassenzusammenlegungen erfolgen". Alle nebenamtlich tätigen Volksschullehrer (insgesamt 26) mussten ihren Unterricht aufgeben. Das Arbeitsamt schaltete sich ein: die Schule wurde gebeten, Lehrgänge für arbeitslose Jugendliche einzurichten. Das geschah, aber die " … jungen Leute brachten leider nicht die nötige Einstellung mit …“.

Aus heutiger Sicht muss es erstaunlich erscheinen, wie unter solchen Umständen der Ausbau der Schule relativ zügig voranging. Fast alle Werkstätten wurden modernisiert; der Einsatz der Schule und auch der Stadt Neumünster als Schulträger zahlte sich trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage aus. Die Gesellenstücke, in Zusammenarbeit zwischen Betrieb und Schule hergestellt, fanden gerade in dieser schwierigen Zeit überörtlich große Anerkennung.

Schlimm wurde es für die Lehrerschaft, insbesondere für die Lehramtskandidaten, die hoffnungsvoll den Beruf des Berufsschullehrers ergreifen wollten. Damals wurde der "Viertel-" oder "Halb-Anwärter" geboren.

1933

Das Dritte Reich warf seine Schatten bereits auf die Schule. Während sich bisher die Tagesordnungspunkte von Konferenzen solide mit schulinternen und -wichtigen Dingen befasst hatten, mussten sich die Lehrer nunmehr damit plagen, dass auf keinen Fall auf dem Schulgelände "Zusammenkünfte politischer Natur" stattfinden sollten. 

Die Schülerzahlen stiegen, was durch starke Jahrgänge der entlassenen Volksschüler zustande kam. Außerdem zog Neumünster aus der näheren Umgebung überproportional Lehrlinge an. Die Schülerzahl wurde bereits 1936 so groß, dass nicht alle anfallenden Unterrichtsstunden abgedeckt werden konnten. Der Werkstattunterricht der Metallgewerbler und der Elektriker, als Ergänzungsunterricht, musste ruhen. Die Lehrer waren knapp. Für die Bäcker- und Schlachterklassen gab es gar keine Lehrkraft. Bis zu acht Überstunden musste jeder Lehrer ableisten, um überhaupt den Mindestbedarf an Stunden decken zu können.

1939

Im September 1938 war es beschlossene Sache, endlich einen ausreichenden Neubau erstellen zu wollen. 165.000 RM. waren bereitgestellt, das Gebäude sollte in der Nähe der Holstenschule erstehen. Der Direktor nannte zahlreiche Innungen, die sich bereiterklärt hatten, nach der Neuausstattung des Direktor- und Lehrerzimmers in der Holstenstraße auch diejenige der geplanten neuen Schule zu übernehmen. Der Krieg 1939 - 1945 machte die Ausführung unmöglich. Schulorganisatorisch gliederte der neue Direktor die Schule um: 1) Gewerbliche Berufsschule (männlich), 2) Kaufmännische Berufsschule (männlich und weiblich), 3) Gewerbliche Berufsschule für Mädchen. Der Unterricht sollte etwas besser zusammengefasst werden. Die vielen verschiedenen Schulen, auf die er verteilt war, setzten einem solchen Plan aber Grenzen. Neben der Schule in der Holstenstraße musste in der Timm-Kröger-Schule, Vicelinschule, Wilhelmsschule, Roonschule und in der Küche Holstenstraße unterrichtet werden.

Nicht nur der Kriegsbeginn traf alle Schulen hart, weil Schüler und Lehrer Soldat werden mussten, hinzu kam in Neumünster, dass vom 15. 7. bis zum 15. 11. 1939 kein Unterricht gegeben werden konnte, weil in der Stadt spinale Kinderlähmung herrschte. So fand die erste Konferenz erst wieder am 23. 1. 1940 statt.

Am 11. März 1943 schied Direktor Kötter aus dem Leben. Der stellvertretende Direktor Fechner wurde mit der Führung der Geschäfte beauftragt. Er sah eine schwere Aufgabe vor sich: hatte er unter solchen Umständen doch eine Schule mit 73 Klassen und ca. 1700 Schülern zu leiten. Lehrer hatte er kaum noch welche - er musste seinem Kollegium schon im nächsten Frühjahr einen Mehrarbeitsaufschlag von 25 % ankündigen - und außerdem machten Politik und Krieg jeder pädagogischen Initiative immer wieder einen Strich durch die Rechnung.

1946

Nach dem Wiederbeginn, der von den alliierten Behörden genehmigt worden war, wurde der 1938 ausgeschiedene Direktor Kock wieder mit der Führung der Amtsgeschäfte betraut und - für den Chronisten des Jahres 1975 scheint es fast unglaublich - mit gewohnter Routine der Neuaufbau gewagt. Das erste Protokoll vom 22.10.1946 knüpft fast an die letzte Konferenz des Jahres 1932 an: "1) Einführung neuer Lehrkräfte, 2) Eingänge, 3) Wiederaufnahme des bürgerkundlichen Unterrichts, 4) Schulordnung, 5) Verschiedenes". Unter "Verschiedenes" wurde festgestellt, dass die Noten für Betragen mit denen für Fleiß und Leistungen in Einklang stehen müssten. Die Schule versuchte offenbar, sich wieder als Bildungsstätte behaupten zu wollen; angesichts der Not der Bevölkerung, die durch die Nöte der Heimatvertriebenen noch verstärkt wurden, eine richtig gewählte Aufgabe.

1948

Langsam begann sich die Schule wieder auf ihre eigentliche Aufgabe zu besinnen. Es konnten - im Frühjahr 1948 - immerhin Wahlen für die Vertreter des Berufsschulbeirats gewählt werden. Die Wahl fiel auf die Herren Gold, Fechner und Dr. Treu.

Diese demokratischen Wahlen in einem- durch heimatvertriebene Kollegen ergänzten Kollegium - gaben der Schule den Mut, sich wieder von den politischen oder kriegsbedingten Notwendigkeiten zu befreien: die städtische Berufsschule wurde tatkräftig und systematisch wiederaufgebaut.

Die Sorgen lagen im Personalbereich für die Lehrer und in der Tatsache, dass kriegsbedingt eine große Menge von Unbeschulten in einen geregelten Schulbetrieb eingegliedert werden mussten.

In diese Situation hinein konnte das Gebäude Roonstraße 90 für die Berufsschule übernommen werden, womit die Grundlage für einen klaren organisatorischen Aufbau des Berufsschulwesens gegeben war. Die Gewerbliche Abteilung wurde in dem neuen Gebäude Roonstraße untergebracht, die kaufmännische Berufsschule nebst Handelsschule erhielt in der Holstenstraße ihre Unterkunft. Die Hauswirtschaftliche Abteilung führte ihren Unterricht im Gebäude Gäbenstraße 10, bzw. Roonstraße 90 durch, wobei der Kochunterricht vorläufig noch in der Klaus-Groth-Schule gegeben werden musste.

1953

Im Gebäude Roonstraße 90 mussten eine Fülle von baulichen Maßnahmen getroffen werden. Die Klassenräume wurden neu ausgestattet, eine zentrale Schulfunk- und Sprechanlage installiert. Die Werkstätten wurden bedeutend modernisiert. Der Mangel an geeigneten Lehrern war groß, ebenso der Umfang der zu bewältigenden Aufgaben: An Fachklassen wurden bereits 1953 geführt:

16 Maschinenbau, Bauschlosser, Schmiede
2 Zimmerer
6 Tischler
1 Gewerbegehilfinnen
3 Gerber
3 Kraftfahrzeughandwerker
3 Maler
1 Zahntechniker
3 Klempner und Installateure
1 Buchgewerbe
3 Gärtner
3 Former und Modelltischler
3 Frisöre
1 Landwirtschaft
4 Elektriker·
3 Bäcker
4 Jungarbeiter
8 Maurer und Betonwerker
3 Fleischer
4 Jugendaufbauwerk

Ein zentrales Thema in dieser ersten Aufbauphase nach dem Krieg war der Unterricht im Fach "Bürgerkunde". Die Debatte war heftig, umstritten und ist nie zu einer allgemein anerkannten Lösung geführt worden. Es sei deshalb zu diesem Thema eine Bemerkung des damaligen Direktors Rühling zitiert: "Der Lehr- und Lernerfolg eines jeden Lehrers ist letztlich abhängig von der Methode seines Unterrichts. Welche er benutzt, ist ihm allein überlassen. Sollte er merken, dass er keinen Erfolg hat, müsste er eine andere wählen."
 

Die Anlaufschwierigkeiten nach dem Krieg wurden überwunden. Die nächste Zäsur wurde durch den Wechsel von Direktor Rühling zu Direktor Feschel getan. Zum Jahreswechsel 1954/55 trat der neue Direktor sein Amt an. Die Probleme lagen jetzt auf der organisatorischen Ebene. Schließlich bestand die Berufsschule immer noch aus drei - untereinander konkurrierenden Abteilungen. Die Verselbständigungstendenz der kaufmännischen und der hauswirtschaftlichen Abteilungen war nicht mehr zu übersehen. Die Trennung wurde dann im Zuge der Neugliederung der beruflichen Ausbildung konsequent durchgeführt. Direktor Feschel hat dann bis 1968, dem Zeitpunkt seiner Pensionierung, dafür gesorgt, dass die Schule voll funktionsfähig, im technischen, personellen und pädagogischen Bereich für alle Aufgaben der Zukunft geeignet war. Er trat im Sommer 1968 in den Ruhestand und sein Nachfolger, Herr Oberstudiendirektor Petersen, übernahm sein Amt.

1975

Für zahlreiche Berufe schreiben die neuen Ausbildungsordnungen bereits eine Stufenausbildung vor. Ausbildung in Stufen bedeutet: Mit fortschreitender Ausbildungsdauer kommen neue Ausbildungsinhalte hinzu, erhöhen sich allerdings auch die Ausbildungsanforderungen. So erlernt man z. B. im Rahmen der elektrotechnischen Stufenausbildung zunächst in einer zweijährigen Stufe den Beruf des Elektroanlagen-Installateurs, anschließend in einer auf die erworbenen Kenntnisse aufbauenden 1 1/2-jährigen Stufe den Beruf des Energieanlagen-Elektronikers. Die Auszubildenden können nach der ersten Stufe die Ausbildung beenden. Sie schließen die Ausbildung mit einer Prüfung ab und sind dann qualifizierte Facharbeiter. Die Stufenausbildung bietet also dem Jugendlichen die Möglichkeit, im Verlauf der Ausbildung selbst festzustellen, mit welcher Qualifikation er die Ausbildung abschließen kann und will.
Diese Stufenausbildung ist jedoch nur ein Schritt zur künftigen Neuordnung der beruflichen "Erstausbildung". Einschneidender ist die Einführung des Berufsgrundbildungsjahres. Die Ausbildung orientiert sich nicht an einem speziellen Beruf, sondern an einem "Feld" von Berufen.
In einem Berufsfeld sind solche Berufe zusammengefa6t, in denen ähnliche Aufgaben zu leisten und deshalb vergleichbare Fertigkeiten und Kenntnisse erforderlich sind. Im BGJ erwirbt der Auszubildende deshalb jene Grundfertigkeiten und Grundkenntnisse, die in allen Berufen des Berufsfeldes in gleicher Weise anwendbar sind. Auf dieser Grundlage wird die Ausbildung in der Fachstufe (Ausbildung im speziellen Beruf) weitergeführt.

Außer dem berufsbegleitenden Unterricht in den Fachklassen können die Schüler an der Gewerblichen Berufsschule Neumünster auch einen Vollzeitunterricht in den Klassen folgender "weiterführender Schulen" besuchen:
a) Berufsgrundbildungsjahr (BGJ)
b) Gewerblich-technische Berufsfachschule (BFS)
c) Berufsaufbauschule (BAS)- geplant
d) Fachgymnasium - technischer Zweig (FG)

Die Gewerbliche Berufsschule Neumünster ist also die Organisationsform eines ganzen Bündels von Schultypen. Hier einige Daten:
a) Gewerbliche Berufsschule GBS
b) Landesberufsschule für Zahntechniker LBS
c) Berufsgrundbildungsjahr (Metall u. Elektro) BGJ
d) Gewerblich-technische Berufsfachschule BFS
e) Berufsaufbauschule BAS (als Vollzeitschule geplant)
f) Fachgymnasium - technischer Zweig FG

Schülerzahlen:
1528 Berufsschüler
310 Landesberufsschüler
43 Schüler des BGJ
23 Berufsfachschüler - Berufsaufbauschüler
114 Schüler des Fachgymnasiums

Lehrkräfte:
44 hauptamtliche
14 nebenamtliche

Räume
25 Klassenräume
10 Demonstrations- und Übungsräume
9 Werkstätten
 

1980

In den Jahren bis 1985 durchlief die Berufsbildung in Deutschland bedeutende Veränderungen, die sowohl die Struktur als auch die Inhalte der beruflichen Ausbildung beeinflussten. Diese Änderungen hatten weitreichende Auswirkungen auf die berufsbildenden Schulen und die Ausbildungslandschaft insgesamt.
Ein zentraler Aspekt dieser Dekade war die Reform des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) von 1977. Diese Reform zielte darauf ab, die duale Ausbildung zu stärken und die Qualität der beruflichen Bildung zu verbessern. 
Durch das BBiG wurden zahlreiche neue Ausbildungsberufe geschaffen, um den sich wandelnden Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden. Dies führte zu einer breiteren Palette an Ausbildungsangeboten in den berufsbildenden Schulen.
Die Reform förderte die Mitbestimmung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der Ausbildung, was zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen Schulen und Betrieben führte.
In den 1980er Jahren erlebte die Berufsbildung einen Wandel in der Lehrplangestaltung. Lehrpläne wurden modularisiert, um flexiblere Ausbildungswege zu ermöglichen. Dies erlaubte den Schülern, individuelle Schwerpunkte zu setzen und verschiedene Kompetenzen zu erwerben. Es wurde ein stärkerer Fokus auf die Verknüpfung von theoretischem Wissen und praktischen Fähigkeiten gelegt. Dies führte zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen berufsbildenden Schulen und Unternehmen.
 

Die rasante technologische Entwicklung in den 1980er Jahren erforderte eine Anpassung der Ausbildungsinhalte. Der Einsatz neuer Technologien in der Industrie führte zur Schaffung neuer Berufe, wie z.B. im Bereich der Informationstechnologie und der Automatisierungstechnik. Berufsbildende Schulen mussten ihre Lehrpläne anpassen, um diese neuen Technologien zu integrieren.
Die Veränderungen im Arbeitsmarkt erforderten auch ein Umdenken in Bezug auf Fortbildung. Berufsbildende Schulen begannen, Programme anzubieten, die auf lebenslanges Lernen ausgerichtet waren.
Die oben genannten Änderungen hatten direkte Auswirkungen auf die berufsbildenden Schulen: 
• Die Einführung neuer Berufe und die Anpassung der Lehrpläne führten zu einer Erweiterung des Bildungsangebots. Dies machte die Schulen attraktiver für Schüler und trug zur Erhöhung der Ausbildungsquote bei.
• Die Notwendigkeit, Theorie und Praxis zu verknüpfen, führte zu einer Veränderung der Unterrichtsmethoden. Innovative Lehransätze, wie projektbasiertes Lernen, gewannen an Bedeutung.
• Die enge Zusammenarbeit mit Unternehmen wurde für berufsbildende Schulen immer wichtiger. Praktika und duale Ausbildungsmodelle wurden gefördert, um die Schüler besser auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes vorzubereiten.

Quellenverzeichnis

Stadtarchiv Neumünster: 100 Jahre Berufsschule - November 1975, Herausgeber: Gewerbliche Berufsschule Neumünster, Roonstraße 90, Redaktion: H. Hermann, Fotos: D. Rogge

Stadtarchiv Neumünster: 125 Jahre Berufliche Bildung in Neumünster - Elly-Heuss-Knapp-Schule, Theodor-Litt-Schule, Walther-Lehmkuhl-Schule - Festschrift zum Jubiläum der Beruflichen Bildung in Neumünster - September 2000

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Neumünster (Abruf 23.09.2025)

Stadtarchiv Neumünster: Abbildungen